Über das Herzinfarktregister
Mit Gründungsdatum 01.09.2017 etabliert die Medizinische Hochschule Brandenburg derzeit ein regionales epidemiologisches Herzinfarktregister, d.h. wir streben eine bevölkerungsbezogene Analyse der akuten Myokardinfarkte an. Während der Konzeptentwicklungsphase hat unser Herzinfarktregister eine Anschubfinanzierung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erhalten. Weitere Fördermittel haben wir seither über die Medizinische Hochschule Brandenburg und die GLS Treuhand e.V. einwerben können.
Das epidemiologische Herzinfarktregister Brandenburg (eHIRB) dient der Versorgungsforschung mit besonderem Schwerpunkt kardiovaskulärer Erkrankungen in einer Non-Metropol-Region. Im Jahr 2015 standen 29,2 % aller 925.200 Todesfälle in Deutschland im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen (270.266) – die Spitzenposition in der Todesursachenstatistik. Im gleichen Jahr entstanden alleine 49.210 Todesfälle durch einen akuten Myokardinfarkt. Erfreulicherweise sind die Gesamtzahlen an tödlichen Herzinfarkten (ausgedrückt als „Sterbeziffer“: Verstorbene/100.000 Einwohner) bundesweit rückläufig.
Herzinfarkt Sterbeziffer (Verstorbene/100.000 Einwohner:innen)
Entwicklung im Bundesdurchschnitt
105
2000
87
2005
70
2010
58
2015
48
2020
46
2023
Ost-West-Gefälle der Sterblichkeit
Die Sterblichkeit des akuten Myokardinfarkts weist ein Ost-West-Gefälle auf, d.h. in den "neuen" Bundesländern sterben mehr Menschen an einem Herzinfarkt als in den "alten" Bundesländern. Die Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt waren viele Jahre die Schlusslichter hinsichtlich der altersstandardisierten Sterblichkeitsrate am akuten Myokardinfarkt und die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt zu versterben, war in diesen beiden Regionen im Jahr 2018 fast doppelt so hoch wie in Schleswig-Holstein, Berlin oder Baden-Württemberg. Neuere Daten des statistischen Bundesamtes im Deutschen Herzbericht der Deutschen Herzstiftung e. V. zeigen eine relative Verbesserung seit der Covid-19-Pandemie, jedoch liegt das Bundesland Brandenburg 2023 weiterhin an drittletzter Stelle.
Es besteht somit die dringende Notwendigkeit, durch ein Herzinfarktregister möglichst flächendeckend eine vielschichtige, strukturierte Erfassung der ischämischen Herzerkrankungen durchzuführen. Somit soll eine ausreichende Datenlage geschaffen werden, die eine Erklärung für die regional unterschiedlichen Sterbeziffern, Prävalenzen und Entwicklungen von Herzerkrankungen und Risikofaktoren bietet. Die anschließende systematische Analyse kann dann Ansatzpunkte für gesundheitspräventive Maßnahmen sowie notwendige Verbesserungen in der medizinischen Versorgungen bieten.
Vor diesem Hintergrund wurde das eHIRB als ein bevölkerungsbezogenes Register und somit Instrument der Versorgungsforschung gegründet. Langfristiges Ziel ist es, Ursachen für eine erhöhte Herzinfarkt-Sterblichkeit zu finden, diese positiv zu beeinflussen und somit im Bundesland Brandenburg günstig auf die Inzidenz sowie den Krankheitsverlauf des akuten Myokardinfarktes, dessen Risikofaktoren und Folgeerkrankungen einzuwirken.
Herzinfarkt und Risikofaktoren
Laut den Deutschen Herzberichten besteht im Vergleich zum Bundesdurchschnitt im Land Brandenburg eine höhere Prävalenz an kardiovaskulären Risikofaktoren (Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Nikotinabusus, Adipositas). Hier findet sich ein erster Hinweis, warum Patienten dieser Region häufiger einen akuten Myokardinfarkt erleiden (mehr Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer ischämischen Herzerkrankung).
Bundesdurchschnitt
Diabetes mellitus (2005)
11,4 %
Rauchen
25,2 %
Arterielle Hypertonie (2009)
25,6 %
Adipositas (2005)
22,8 %
Erhöhte Taillenweite (2005)
36,5 %
Metabolisches Syndrom (2005)
19,8 %
Brandenburg
Diabetes mellitus (2005)
13,8 %
Rauchen
27,2 %
Arterielle Hypertonie (2009)
31,7 %
Adipositas (2005)
26,1 %
Erhöhte Taillenweite (2005)
39,6 %
Metabolisches Syndrom (2005)
22,0 %
Mehrebenen-Modell
Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage, warum innerhalb einer Bevölkerung ein Anteil der Menschen gesund bleibt und ein niedriges Risiko für einen Myokardinfarkt aufweist, während ein anderer Anteil der Menschen Risikofaktoren ausbildet und im Verlauf ihres Lebens erkranken. Eine mögliche Erklärung liefert folgendes Mehrebenen-Modell zur Krankheitsentwicklung ischämischer Herzerkrankungen.
Sozialmedizinische Daten
Dieses Mehrebenen-Modell spiegelt sich in sozialmedizinischen Daten in Brandenburg wieder: bestimmte Regionen mit schwierigen sozioökonomischen Situationen weisen eine höhere Prävalenz an Myokardinfarkten bei über 80-jährigen sowie eine höhere vorzeitige Sterblichkeit (Alter zum Todeszeitpunkt < 65 Jahre) auf:
Ein Bezug zwischen ungünstigen sozialen Faktoren und Erkrankungsausprägung scheint somit wahrscheinlich zu sein und die soziale Lage spiegelt sich somit vermutlich in der Gesundheit wieder.
Rate an stationären Herzinfarkten in der Altersgruppe 80 Jahre und älter je 100.000 der Altersgruppe
(Abb. bereitgestellt durch die Abteilung Gesundheit im Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) Brandenburg)
Unser Vorgehen
Unsere Studienschwestern erheben unter Beachtung von Datenschutzvorgaben die Daten der präklinischen und klinischen Versorgung. Es erfolgt zusätzlich eine Befragung aller Patienten. Diese umfasst eine sozialmedizinische Anamnese, Angaben zu den Lebensumständen sowie validierte Fragebögen zur Lebensqualität und Medikamentencompliance.
Aus diesen Daten können wir Erkenntnisse über die Häufigkeit und die Verteilung kardiovaskulärer Risikofaktoren gewinnen, für die Krankheitsentstehung begünstigende Faktoren identifizieren oder etwa eine Überlebenszeitanalyse durchführen. Besonderer Schwerpunkt liegt in der Analyse von verstorbenen Patienten. Alle Daten werden durch eine kommerziell erhältliche Software elektronisch erfasst, pseudonymisiert und in einem Rechenzentrum nach höchsten Sicherheitsstandards verwahrt.
Begleitet wird dieses Register durch einen Lenkungsausschuss sowie einen wissenschaftlichen Beirat, besetzt mit Vertretern aus den Fachgebieten der Kardiologie, Epidemiologie, Sozialmedizin, Soziologie, Versorgungsforschung sowie Biometrie. Ihre Expertise soll zum Erhalt wissenschaftlich hochwertiger Ergebnisse beitragen.