Über das Herzinfarktregister

Mit Gründungsdatum 01.09.2017 etabliert die Medizinische Hochschule Brandenburg derzeit ein regionales epidemiologisches Herzinfarktregister, d.h. wir streben eine bevölkerungsbezogene Analyse der akuten Myokardinfarkte an. Aktuell befindet sich das epidemiologische Herzinfarktregister Brandenburg (eHIRB) in einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Konzeptentwicklungsphase gemäß der am 10.10.2016 im Bundesanzeiger veröffentlichten Richtlinie zur Förderung des Aufbaus modellhafter Register für die Versorgungsforschung.

Das eHIRB dient der Versorgungsforschung mit besonderem Schwerpunkt kardiovaskulärer Erkrankungen in einer Non-Metropol-Region. Im Jahr 2015 standen 29,2 % aller 925.200 Todesfälle in Deutschland im Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen (270.266) – die Spitzenposition in der Todesursachenstatistik. Im gleichen Jahr entstanden alleine 49.210 Todesfälle durch einen akuten Myokardinfarkt. Erfreulicherweise sind die Gesamtzahlen an tödlichen Herzinfarkten (ausgedrückt als „Sterbeziffer“: Verstorbene/100.000 Einwohner) bundesweit rückläufig.

Herzinfarkt Sterbezahl (Verstorbene/100.000 Einwohner)

Entwicklung im Bundesdurchschnitt

141

1990

140

1995

105

2000

87

2005

70

2010

60

2015

Ost-West Gefälle der Sterblichkeit

Die Sterblichkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen weist ein Ost-West-Gefälle auf, d.h. in den neuen Bundesländern sterben mehr Menschen an einem Herzinfarkt als in den alten Bundesländern. Die Länder Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind hier seit Jahren die Schlusslichter und die Wahrscheinlichkeit, an einem Infarkt zu sterben, ist in diesen beiden Regionen fast doppelt so hoch wie in Schleswig-Holstein, Berlin oder Baden-Württemberg.

Es besteht somit die dringende Notwendigkeit, durch ein Herzinfarktregister möglichst flächendeckend eine vielschichtige, strukturierte Erfassung der ischämischen Herzerkrankungen durchzuführen. Somit soll eine ausreichende Datenlage geschaffen werden, die eine Erklärung für die regional unterschiedlichen Sterbeziffern, Prävalenzen und Entwicklungen von Herzerkrankungen und Risikofaktoren bietet. Die anschließende systematische Analyse kann dann Ansatzpunkte für gesundheitspräventive Maßnahmen sowie notwendige Verbesserungen in der medizinischen Versorgungen bieten.

Vor diesem Hintergrund wurde das eHIRB als ein bevölkerungsbezogenes Register und somit Instrument der Versorgungsforschung gegründet. Langfristiges Ziel ist es, Ursachen für eine erhöhte Herzinfarkt-Sterblichkeit zu finden, diese positiv zu beeinflussen und somit im Bundesland Brandenburg günstig auf die Inzidenz sowie den Krankheitsverlauf des akuten Myokardinfarktes, dessen Risikofaktoren und Folgeerkrankungen einzuwirken.

Quelle: Deutscher Herzbericht 2018/Deutsche Herzstiftung (Hg.)

Herzinfarkt und Risikofaktoren

Laut den Deutschen Herzberichten besteht im Vergleich zum Bundesdurchschnitt im Land Brandenburg eine höhere Prävalenz an kardiovaskulären Risikofaktoren (Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie, Nikotinabusus, Adipositas). Hier findet sich ein erster Hinweis, warum Patienten dieser Region häufiger einen akuten Myokardinfarkt erleiden (mehr Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer ischämischen Herzerkrankung).

Bundesdurchschnitt

Diabetes mellitus (2005)

11,4 %

Rauchen

25,2 %

Arterielle Hypertonie (2009)

25,6 %

Adipositas (2005)

22,8 %

Erhöhte Taillenweite (2005)

36,5 %

Metabolisches Syndrom (2005)

19,8 %

Brandenburg

Diabetes mellitus (2005)

13,8 %

Rauchen

27,2 %

Arterielle Hypertonie (2009)

31,7 %

Adipositas (2005)

26,1 %

Erhöhte Taillenweite (2005)

39,6 %

Metabolisches Syndrom (2005)

22,0 %

Mehrebenen-Modell

Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage, warum innerhalb einer Bevölkerung ein Anteil der Menschen gesund bleibt und ein niedriges Risiko für einen Myokardinfarkt aufweist, während ein anderer Anteil der Menschen Risikofaktoren ausbildet und im Verlauf Ihres Lebens erkranken. Eine mögliche Erklärung liefert folgendes Mehrebenen-Modell zur Krankheitsentwicklung ischämischer Herzerkrankungen.

modifiziert nach einer Abbildung von A. Stand et al (Dtsch Arztebl Int 2014)

Sozialmedizinische Daten

Dieses Mehrebenen-Modell spiegelt sich in sozialmedizinischen Daten in Brandenburg wieder: bestimmte Regionen mit schwierigen sozioökonomischen Situationen weisen eine höhere Prävalenz an Myokardinfarkten bei über 80-jährigen sowie eine höhere vorzeitige Sterblichkeit (Alter zum Todeszeitpunkt < 65 Jahre) auf:

Ein Bezug zwischen ungünstigen sozialen Faktoren und Erkrankungsausprägung scheint somit wahrscheinlich zu sein und die soziale Lage spiegelt sich somit vermutlich in der Gesundheit wieder.

Verteilung Leistungsempfänger nach SGB II in %

Rate an stationären Herzinfarkten in der Altersgruppe 80 Jahre und älter je 100.000 der Altersgruppe

Anteil niedriger Sozialstatus bei Einschülern in %

Landesverteilung vorzeitige Sterblichkeit (unter 65 Jahren)

(Abb. bereitgestellt durch die Abteilung Gesundheit im Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) Brandenburg)

Unser Vorgehen

Durch mobile Study Nurses erheben wir unter Beachtung von Datenschutzvorgaben in den kooperierenden Studienzentren die Daten der präklinischen und klinischen Versorgung. Es erfolgt zusätzlich eine Befragung aller Patienten. Diese umfasst eine sozialmedizinische Anamnese, Angaben zu den Lebensumständen sowie validierte Fragebögen zur Lebensqualität und Medikamentencompliance.

Aus diesen Daten können unsere Epidemiologen und Biometriker Erkenntnisse über die Häufigkeit und die Verteilung kardiovaskulärer Risikofaktoren gewinnen, für die Krankheitsentstehung begünstigende Faktoren identifizieren oder etwa eine Überlebenszeitanalyse durchführen. Besonderer Schwerpunkt liegt in der Analyse von verstorbenen Patienten. Alle Daten werden durch eine kommerziell erhältliche Software elektronisch erfasst, pseudonymisiert und in einem Rechenzentrum nach höchsten Sicherheitsstandards verwahrt.

Begleitet wird dieses Register durch einen Lenkungsausschuss sowie einen wissenschaftlichen Beirat, besetzt mit Vertretern aus den Fachgebieten der Kardiologie, Epidemiologie, Sozialmedizin, Soziologie, Versorgungsforschung sowie Biometrie. Ihre Expertise soll zum Erhalt wissenschaftlich hochwertiger Ergebnisse beitragen.  Die Berichterstattung erfolgt in regelmäßigen Abständen mit jährlicher Analyse der erhobenen Daten. Die Ergebnisse werden regelmäßig veröffentlicht und den teilnehmenden Kliniken wird jedes Jahr anhand von anonymisierten, longitudinalen Berichten die Möglichkeit zur Qualitätssicherung gegeben.